Quelle: WR Plettenberg-Herscheid vom 28.12.2007

95-jähriger Paul Schulte hat dem
Glück immer etwas nachgeholfen


Von Claudia Homuth

Herscheid. Im Kreise von Familie, Verwandten und Freunden feierte gestern Paul Schulte, eine der markantesten Unternehmerpersönlichkeiten der Ebbegemeinde seinen 95. Geburtstag.
Foto rechts: Paul Schulte (WR-Foto)

"Corrige? la fortune" - dem Glück etwas nachhelfen - diese Weisheit hat Paul Schulte des öfteren in seinem langen Leben beherzigt. Doch der Reihe nach: Aufgewachsen an der Verse zwischen Herscheider Mühle und Schwarzer Ahe nahe dem von Großvater August Schulte begründeten Familiensägewerk, erster Schulbesuch in der Schönebecke bei Lehrer Paul Buck. Der war sportbegeistert und bereit, mit dem beim Blaubeersammeln verdienten Geld für die Schule Skier anzuschaffen und die Kinder in der Kunst der Abfahrt zu unterrichten. "Den Telemark hinzukriegen war ganz schön schwierig", erinnert sich Paul Schulte, der in jungen Jahren mit einem Freund sogar eine kleine Schanze in der Walterschlade baute. "Ich meine, die Winter damals wären kälter gewesen, aber vielleicht verklärt sich das im Rückblick auch ein bisschen."

In Rosenheim besuchte Paul Schulte die Höhere Technische Lehranstalt für Holzverarbeitung - justament, als "nebenan" in Garmisch die Winterolympiade stattfand, deren Besuch sich der Sauerländer natürlich nicht entgehen ließ. Als Oberleutnant einer Scheinwerferbatterie tat Paul Schulte während des Zweiten Weltkrieges Dienst in Peenemünde, wo bekanntliche Wernher von Braun an der Entwicklung von V(ergeltungswaffe) 1 und V2 arbeitete. Auch in russischer Gefangenschaft half Paul Schulte dem Glück nach: Gemeinsam mit einem Dutzend anderer meldete er sich als Erfinder: "Wir haben den Russen Maschinen erfunden, die schon 1890 in Deutschland abgeschafft worden waren." Und auch der trockene Humor, der Paul Schulte heute noch eigen ist, zeigte sich in dieser schweren Zeit: "Einmal sollten wir einen Fettabscheider für Küchenabfälle konstruieren. Doch das gehe ja gar nicht, habe ich dem zuständigen Mann gesagt, weil sich im Essen für uns Gefangenen überhaupt kein Gramm Fett befände."

Zurück in der sauerländischen Heimat engagierte sich Schulte weiter für seinen Betrieb an der Verse, ließ Stiele zunächst aus Buche, später aus Esche drehen. Und half auch hier dem Unternehmerglück gemäß dem Motto "Lieber eine Handvoll gehandelt als ein Armvoll gearbeitet" nach. In Österreich, Jugoslawien und Ungarn billig gefertigte Stiele kaufte der sprachbegabte Herscheider auf und brachte sie auf den seinerzeit boomenden Markt. Schaufel- und Besenstiele waren in der Zeit des Wiederaufbaus ohne Maschinen gefragt, und auch Vorschlaghämmer sind bis heute ohne massiven Stiel bekanntlich nicht zu schwingen. Für einen Auftrag aus Irland, erinnert sich Paul Schulte heute noch staunend, gelang es ihm, nicht weniger als 60 000 Schaufelstiele in ganz Deutschland zusammenzukaufen. Kein Wunder, dass ihm der Vorsitz der Deutschen Stielindustrie mit Sitz in Ofterdingen bei Tübingen angetragen wurde.

Das tat aber dem Engagement in und für Herscheid keinen Abbruch: In Paul Schultes Haus fand die Gründung des heutigen CDU-Ortsunions-Verbandes statt. Gemeinsam mit den verstorbenen Paul Brinkmann (SPD) und Dr. Willy Dunkel (FDP) arbeitete Paul Schulte im Gemeindeparlament mit, ehe Jüngere nachrückten, die jetzt auch schon den Ruhestand erreicht haben.

Selbst wenn jetzt die Beschwerlichkeiten des Alters langsam zunehmen: Paul Schulte blickt ausgesprochen zufrieden auf ein "interessantes" Leben zurück. Liebevoll vom Ehepaar Kist in den eigenen vier Wänden an der Verse betreut, wandert der Blick des früher passionierten Anglers von seinem bequemen Sessel aus oft durch das große Terrassenfenster auf den großen Teich hinterm Haus, an dem sich Fischreiher und Eisvogel ein Stelldichein geben. Und wie sagte doch einst ein irischer Geschäftspartner zu dem Sauerländer: "It could be worse" - es könnte alles schlimmer sein.




Quelle: Beiträge zur Geschichte der Industrie der Gemeinde Herscheid, W. Däumer, 1925, S. 59-61

Paul Schulte zu Verse





Quelle: Geschichte der Industrie im märkischen Sauerland, Band II, Kreis Altena, Dr. Ernst Voye, 1910, S. 295

Eine Holzwarenfabrik von A. Schulte
Verse bei Herscheid, wird mit 30-pferdiger Wasserkraft und zur Aushilfe mit 30-pferdiger Dampfmaschine betrieben. Der Betrieb ist aus dem schon genannten 1831 gegründeten Sägewerk entstanden. Bis etwa 1900 wurden hauptsächlich gedrechselte Möbel und Bauartikel hergestellt. In den letzten Jahren wurden diese immer mehr fallengelassen und fast nur Stiele, Hefte usw. für landwirtschaftliche Eisenbahn- und Militär-Geräte fabriziert. Das Rohmaterial wird zum Teil aus benachbarten Waldungen bezogen, zum andern Teil aus ferneren Revieren und aus dem Auslande. Arbeiterzahl inkl. Zweigsägewerk Haus Habbel 18-20.


zurück