Quelle: Süderländer Tageblatt, Oktober 1991

Heimkehrerverband Herscheid: "Als der Max verlorenging"
Erinnerungen aus schwerer Zeit und 40 Jahre Zusammenhalt - Verbandsjubiläum wird in der Klemme begangen

Herscheid. (iv) Mitglieder des Ortsverbandes der Heimkehrer in Herscheid trafen sich am gestrigen Freitagnachmittag um 15 Uhr an der Räriner Straße zur Wanderung nach Oberstuberg. Ein ganz schön flottes Tempo legten die ca. 25 Wanderer bei sommerlichen Temperaturen vor, wie die Heimatzeitung feststellen musste, die sie per Pkw (man schämt sich) auf dem letzten Drittel der Strecke überholte und dann vor dem Gasthof "Zur Linde" zum Erinnerungsfoto erwartete.

40 Jahre Zusammenhalt -in schweren und in besseren Tagen - sind, wie Willi Wirth, Vorsitzender der Herscheider Ortsgruppe betonte, ein Jubiläum, das nicht übergangen werden darf. Und so wurde am vergangene Freitag in Oberstuberg allerhand für den großen Tag geplant. Gefeiert werden soll in der Klemme, für Kuchen und Schnittchen werden die Damen der Herscheider Ortsgruppe sorgen, die zum Kreisverband Mark gehört. Fest steht, dass der Geschäftsführer des Verbandes, Karl Sichelschmidt, zu den Gratulanten gehören wird, ebenso wie Vertreter des Rates, dass Rückblick gehalten werden wird auf die Leistungen des Verbandes, zu denen als besonders bedeutsam die Heimkehrerstiftung gehört, die Mitgliedern auf Antrag finanzielle Hilfen gewährt.

Nicht unerwähnt bleiben sollen auch die alljährlich veranstalteten beiden Urlaubsfahrten. So kam man z. B. am 31. August aus Österreich zurück.
Man erinnerte sich an Heimkehrertreffen der vergangenen Jahre und gelacht wurde auch (Wißt Ihr noch, damals, als der Max aus der Schreiberei beim Heimkehrertreffen in Köln verlorenging? ... Alles war zur Rückfahrt im Bus versammelt - bis auf Max. Man wurde unruhig, mutmaßte. Plötzlich stand Max auf der obersten Stufe des Buseinstiegs. Totenstille, bis Maxens tiefe Weisheit "Wißt Ihr wat, Köln is doch man größer als Hüinghausen!" die Spannung löste.)

So froh mag es in den Gründungsjahren des Verbandes sicher nicht zugegangen sein. Heinz Hengstenberg, Ende 1949 aus der Kriegsgefangenschaft im Donezbecken zurückgekehrt, erinnerte sich. Ob sich heute noch jemand eine Vorstellung davon macht, was die Nachricht "das Lager wird aufgelöst, wie kommen nach Hause" bedeutete? Dann stand man in der Reihe, wartete auf die letzte Kontrolle und erlebte, wie ein halbes Hundert Kameraden aussortiert wurde, weil sie vielleicht zur 116. Division gehört hatten oder aus welchen Gründen auch immer. Damals gaben wir den zurückbleibenden Kameraden das Versprechen, sie nicht zu vergessen und in der Heimat etwas für sie zu tun", erzählt Heinz Hengstenberg.

Brief in die Heimat auf
einem alten Zementsack

1949 gab es in Herscheid noch keinen Heimkehrerverband und so schloss man sich zunächst dem Plettenberger Verband an. Zu den ersten, die sich in Herscheid zusammenfanden, gehörten Heinrich Sauer, Ernst Brenscheid, Karl Schürmann, Heinz Hengstenberg, Eugen Naber. Eine Vereinsorganisation, wie heute üblich, gab es Ende 1950 noch nicht, so wurden auch keine Mitgliederlisten geführt. "Wir trafen uns damals im Neuenhaus", erinnert sich Heinz Hengstenberg. "Später erhielten wir dann von der Gemeinde Adressen anderer Heimkehrer, mit denen wir uns meist mündlich in Verbindung setzten, dnn Mittel, um sie anzuschreiben, hatten wir damals nicht."

Die offizielle Gründung der Herscheider Ortsgruppe muss dann 1951 erfolgt sein, wie man aus Erinnerungen zusammengetragen hat. Übrigens: Heute ist Heinz Hengstenberg ältestes Verbandsmitglied der Herscheider Gruppe. Ein Brief, den er 1947 aus der Gefangenschaft an seine Eltern richtete, machte am Freitagnachmittag die Runde. Auffällig das bräunliche "Papier", dessen Urstoff ein Zementsack gewesen war, aus einem dreilagigen Material, dessen Innenseite durch den Zement perse unbrauchbar wurde, dessen Außenseite meist irgendwelche Aufdrucke aufwies und dessen Mittelteil mühsam und sorgfältig ausgelöst worden war. Ein Bleistifstummel, mit dem sich nur Not noch eben schreiben ließ - eine Kostbarkeit. Auch die Beförderung dieses Briefes durch manche Filzung hindurch durch den schon 1947 entlassenen Kameraden Günter Kröger aus Siegen war ein besonderer Glücksfall.
Ein Stück braunes, mit Bleistift beschriebenes Material - ein Stück Zeitgeschichte.


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